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Mit dem Begriff „begabt“ werden im Allgemeinen jene Lernvoraussetzungen beschrieben, die deutlich über dem Durchschnitt liegen und zu besonderen Fähigkeiten und Leistungen führen können. Grundsätzlich ist menschliches Potential unter günstigen Umwelt- und Entwicklungsbedingungen positiv veränderbar. Der Zufall entscheidet jedoch sehr oft darüber, ob Kinder die dafür notwendigen Lernbedingungen vorfinden. Dafür verantwortlich ist, in welche Familie man hineingeboren wurde, welchen sozioökonomischen Status und Bildungshintergrund die Eltern haben und welche Ereignisse und Begegnungen sich ereignen, die Interessen oder Leidenschaften für bestimmte Domänen erzeugen. Da Bildungsprozesse auf unterschiedliche Weise verlaufen, ist eine frühe pädagogische Selektierung und Einteilung in mehr oder weniger begabt gesellschaftlich enorm riskant. Kinder sind nämlich zuerst einmal grundsätzlich neugierig und interessieren sich für die unterschiedlichsten Dinge dieser Welt. Diese spielerische Neugierde gilt es beispielsweise auch in der musikalischen Ausbildung zu bewahren. Damit erweist sich die Förderung musikalisch begabter junger Menschen zwar als lohnende, jedoch auch sehr aufwendige und anspruchsvolle gesellschaftliche Herausforderung. Begabtenförderung kann sich nicht nur auf die Motivation einzelner Lehrender beschränken. Ohne entsprechende Rahmenbedingungen werden jungen Menschen Bildungschancen vorenthalten, was sowohl ungerecht wie auch volkswirtschaftlich unvernünftig ist. Begabtenförderung umfasst damit neue bildungspolitische und pädagogische Perspektiven, zusätzliche Ressourcen an den Bildungseinrichtungen, die Verankerung des Themas Begabungsförderung in der Lehrer*innenaus- und -weiterbildung, wie auch den Ausbau der Forschungsaktivitäten. Denn Begabung ist ein sehr komplexes Phänomen, bei dem genetische, physiologische, psychologische und soziale Komponenten ineinandergreifen. Wer nach Faktoren für die Entwicklung von Begabung sucht, sollte ohnedies eine gewisse Offenheit aufbringen, denn „einfache Lösungen gibt es hier nicht!“. Der Weg hin zu Spitzenleistungen ist nichts für Ungeduldige. Er verlangt Leidenschaft, Glaube an die eigenen Fähigkeiten und Ausdauer.

Dem Verfassen der vorliegenden Broschüre ging eine intensive Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Begabung voraus, wobei die Inhalte als Leitfaden innerhalb der eigenen beruflichen Tätigkeit im Bereich der Begabtenförderung dient. Ergänzend zu den fachbezogenen Inhalten beinhalten die Ausführungen einen Überblick über Kooperationsprojekte zur musikalischen Begabtenförderung in Österreich, sowie Berichte über den im Juni 2021 am Institut für Musikpädagogik der Kunstuniversität Graz abgehaltenen Pick-up Kurs Ohne Breite keine Spitze und das Begabtenförderprojekt für das Fach Trompete am Institut für Blas- und Schlaginstrumente an der Kunstuniversität Graz.

Gerhard Freiinger Graz, September 2021